Vincent Müller
jung.grün-links.theatral
Mein schlimmstes Ferienerlebnis oder wie ich die Räumung des besetzten Hauses erlebte

Gegen drei Uhr kam ich in Begleitung von zwei Mitgliedern der GRÜNEN JUGEND Thüringen auf das Gelände des B-Hauses, dort war definitiv nichts von Nagelbomben zu hören oder zu sehen, deren Existenz die Polizei später behauptet hat. Wir saßen dort bis circa 4 Uhr am Feuer, dann verließen wir das Haus um die von „Platz nehmen!“ angekündigte Sitzblockade vorzubereiten. Gegen 5 Uhr waren wir circa 30 – 40 Personen die sich vor dem Haus eingefunden um sich einer Räumung mit friedlichen Mitteln zu widersetzen. Die Stimmung in der Blockade war gut, man teilte dich Essen, Kaffee & Zigaretten. Bis circa 6 Uhr aus heiterem Himmel der staatliche, gut vermummte schwarze Block anrückte, in Form von bayrischen Bereitschaftspolizisten und dem paramilitärischem SEK. Letzteres bedrohte auch die friedlichen BlockiererInnen mit Schusswaffen und Gasgranatenwerfern. Dann kamen zwei Hubschrauber des SEKs niedrig über uns hinweg geflogen. Man konnte nur die Augen schliessen, während sich Haare, Ohren und Nase mit dem aufgewirbelten Staub füllten. Als diese verschwunden waren, stand uns eine Kette bayrischer Unterstützungskommandopolitizisten gegenüber. Gegen 6.45 fragten uns diese ob wir einen Versammlungsleiter hätten, was ich verneinte. Gegen 7 Uhr teilte uns ein bayrischer Polizist mit beachtlichem Schnauzbart mit das wir von der Polizei nicht als Versammlung sondern als „Ansammlung von Straftätern  mit dem Verdacht auf schweren LAndesfriedensbruch“ gesehen würden und man jetzt mit der Räumung beginnen würde. Die Räumung geschah äußerst brutal. Es wurde in Gesichtsöffnungen gegriffen, mehrere Leute wurden sogar als sie am Boden lagen geschlagen und getreten, einige wurden verletzt. Als ich geräumt wurde, drückten die Beamten meinen Kopf gegen das Metalltor, weshalb ich den ganzen Tag unter Kopfschmerzen litt. Ich wurde auf einem angrenzenden Polizeiplatz mit einer Nummer versehen, durchsucht und in einem Gefangenentransportbus verfrachtet.
Für das was dann folgt gibt es nur einen Ausdruck: Folter. Denn in diesem Bus verbrachten meine Mitgefangenen Fünf Stunden. Fünf Stunden auf engstem Raum. Fünf Stunden ohne Wasser und Zugang zu Toiletten. Zwei Mitgefangene hatten fast einen Asthmaanfall. Nur durch lautstarkes gemeinsames Erzeugen von Rythmen gelang es uns das Asthmaspray bzw. einen Arzt zu besorgen, meist reagierten die Polizisten nichteinmal darauf, sondern drehten einfach die Musik lauter. Ansonsten standen die Gewalttäter der Staatsgewalt vor dem Bus, rauchten, lachten und unterhielten sich. Zuerst fuhren wir mit diesem Bus ins Polizeirevier in der Andreasstraße, wo nach einigem warten – irgendwann verliert man sein Zeitgefühl – einige aus dem Bus entlassen wurden. Den Verbleibenden wurde weder gessagt was nun passieren würde und wie lange man noch festgehalten wird. Irgendwann fuhren wir weiter ins Polizeirevier Nord. Nachdem es unser Gefangentransporter mit 3 Versuchen nicht schaffte dort einzubiegen, wurden wir wieder in der Sonne stehen gelassen.

Irgendwann kamen dann Einheiten des BFE holten und aus dem Bus und führten uns auf den Hof, wo wir erneut durchsucht wurden und dann in die Zellen verbracht wurden. In der Zelle konnte man wenigstens wieder aufs Klo und ich bekam zwei Becher Wasser zu trinken. Irgendwann durfte ich auch einen Anruf führen, denn ich nutzte um den Ermittlungsauschuss zu informieren. Später bekam ich noch ein Brötchen mit Kochschinken.

Wieder etwas später wurde ich aus meiner Zelle geholt und in einen kleineren Gefangenentransporter verbracht, ohne das mir gessagt wurde wohin ich denn jetzt gebracht werden würde. Dort traf ich auch einen meiner Begleiter wieder. Der Gefangentransporter brachte mich in Polizeirevier Andreasstraße, wo ich von einem Polizisten in sein Büro geführt und verhört wurde. Für ihn waren meine Aussage eher uninteresannt (“Dazu sage ich nichts”), aber seine Fragen waren umso dümmer (“Was würdest du sagen, wenn jmd jetzt das Auto deiner Eltern anzünden würde”, “Wie fändest du das wenn plötzlich Besetzer bei dir am Tisch säßen”). Von dort ging es zur erkennungsdienstlichen Behandlung. Auf dem Gang davor traf man alte Blockadebekanntschaften wieder. Und erfuhr das der Vorwurf  “schwerer Landesfriedensbruch” bei niemanden mehr zur Sprache kam. Die Polizistin die mich erkennungsdienstlich behandelte war die einzige an diesem Tag die eine gewisse Professionalität an den Tag legte, weder folterte noch rumnervte. Das war erholsam. Aber gleich gings weiter. Diesesmal in die Zellen des Polizeireviers Andreasstraße. Auf dem Weg dahin traf man Blockadebekanntschaften und die Folterer aus dem Bus wieder (einen davon werde ich aufgrund seiner unglaublich hässlichen Brille nie vergessen können) wieder. Bevor ich in die Zelle kam, wurde ich – mal wieder – durchsucht, anscheinend vertrauen die Polizisten einander nicht, diesesmal musste ich mich dafür vollständig entkleiden.

Diesesmal verblieb ich nur kurz in der Zelle, bevor ich wieder in einen Gefangenentransporter verladen wurde, diesesmal musste ich auch noch meinen Aservatenbeutel in die viel zu enge Zelle nehmen und durfte dadurch die ganze Zeit PVC schnüffeln. Dieser Bus brachte uns zum Justizzentrum. Dort angekommen bekam ich von UnterstützerInnen endlich das was ich dringend brauchte: Wasser. Gleich eine ganze Flasche. Danke nochmal das ihr da wart.

Drinnen wurde ich nach kurzer Zeit dem Richter vorgeführt. Mein Anwalt, denn ich auf dem Gang getroffen hatte, riet mir eine Erklärung abzugeben , dass ich an diesem Tag an keinen Kundgebungen mehr teilnehmen würde und das mein Vater mich abholen sollte. Mein Vater wurde verständigt und kam. Dann waren nur noch einige Formalia zu erledigen und ich war draußen. Wo mich die Unterstützer empfingen und ich denen die ich näher kannte einfach nur noch in die Arme fallen konnte. Das tat gut. Freiheit.

Zum Nachgang dieses Tages gibts bald mehr hier.

2 Comments to “Mein schlimmstes Ferienerlebnis oder wie ich die Räumung des besetzten Hauses erlebte”

  1. amok sagt:

    Scheißgelaber du missgebort

  2. Christian sagt:

    Hallo Herr Müller,

    ich bin Polizeibeamter und in einem „grünen“ Elternhaus aufgewachsen. Ich bin mir der Probleme unserer Polizei bewusst und versuche nicht, diese herunterzuspielen. Zu dem von Ihnen geschilderten Vorgehen der Beamten kann und will ich nichts sagen, da ich nicht selbst dabei war. Außerdem scheint Ihre Meinung zur Polizei trotz Ihres jungen Alters schon so festgefahren zu sein, dass ich daran wohl nichts mehr ändern könnte.

    Wozu ich jedoch etwas sagen will, ist Ihre Ausdrucksweise über unsere staatlichen Organe. Solche primitiven, polemischen Äußerungen lese ich sonst nur bei indymedia. Verstehen Sie mich nicht falsch: Investigativer Journalismus ist ein unverzichtbarer Baustein unserer Demokratie, aber bitte neutral, ohne Beleidigungen und vor allem gut recherchiert. Ein Politiker einer anerkannten Partei wie die Grünen, der Polizeibeamte eines Rechtsstaates als „schwarzen Block“ und „Folterer“ bezeichnet, tut weder seiner Partei noch seinem Land etwas Gutes.

    Ich fürchte, dass Sie daran kein Interesse haben werden, biete aber trotzdem an, mich mit Ihnen über meine Arbeit auszutauschen. Auch wenn es Ihre Meinung nicht ändern sollte, etwas Hintergrundwissen hat noch niemandem geschadet. Meine E-Mail-Adresse sollten Sie im Kopf der Antwort finden.

    Viele Grüße!

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